Döblinger Plauscherl #2: Alexander Widhalm im Interview

 

Döblinger Plauscherl #2: Alexander Widhalm im Interview

Nach dem erfreulichen Saisonende für die Vienna nimmt sich Alex Widhalm die Zeit für ein Interview. Widhalm ist Gesamtverantwortlicher im Frauenbereich für die Vienna und ist neben der Kaderplanung für die Frauen Kampfmannschaft auch für die Future League, Nachwuchskoordination sowie den Trainings- und Spielbetrieb verantwortlich.

Das Interview führen wir relativ kurzfristig bei wunderschönem Sommerwetter auf der Hohen Warte. Währenddessen dreht der neue Herren KM-Trainer Patrick Enengl eine Runde im Stadion. Wenige Tage zuvor hat die Vienna hier den achten Bundesligasieg im achten Spiel seit der Winterpause gefeiert.

Alex, du warst ja auch als Spieler aktiv und bist erst 25 Jahre alt. Warum bist du so jung ins operative Geschäft gewechselt?

Das ist eine gute Frage. Wenn mir das jemand vor 5-6 Jahren gesagt hätte, hätte ich ihn für verrückt gehalten. Ich dachte eher, dass ich dann irgendwo in der Regionalliga spielen würde. Leider hatte ich mit 21 Jahren bereits zwei Kreuzbandrisse hinter mir. Ich habe mich dann zurückgekämpft, aber auch gemerkt, dass der Trainer nicht mehr so auf mich setzt. Nach meinem Auslandsaufenthalt in Argentinien während meinem Betriebswirtschaftsstudium, habe ich die Möglichkeit zum Switch angenommen. Ich war damals bereits bei der Vienna als Freiwilliger aktiv und habe dann eine mutige, aber richtige Entscheidung getroffen.

Wie hast du da als Freiwilliger deinen Weg zur Vienna gefunden?

Als ich mir das erste Mal das Kreuzband gerissen habe, wollte ich dem Fußball verbunden bleiben. Ich habe damals in Haitzendorf gespielt, was von mir aus Korneuburg mit einer relativ langen Anreise verbunden war. Deshalb wollte ich den Sport mit meinem Studium verbinden. Über Umwege kam ich dann mit Nina Burger in Kontakt und durfte erstmals beim Verein mithelfen, etwa im Ticketcenter. Zunächst noch bei den Männern, erst später bei den Frauen. Daraus entstand dann irgendwann ein tieferes Engagement.



Als Kaderplaner, sportlicher Leiter, Trainer, Nachwuchskoordinator, Spiel- und Trainingsbetriebsverantwortlicher hast du ganz schön viel zu tun.

Ich darf mich mittlerweile hauptberuflich Leiter für den gesamten Frauenbereich nennen – oder schimpfen. Das umfasst vom Nachwuchs bis zur Kampfmannschaft sechs Mannschaften, eine davon sogar als Trainer. Aktuell mache ich auch noch meine Trainerlizenzen. Ja, es ist viel Zeitaufwand, aber ich mache das sehr gern.

Was beansprucht am meisten Zeit?

Einerseits war das internationale Lizenzierungsverfahren recht zeitaufwändig. Die Kaderplanung ist voll am Laufen und ich bin operativ auch als Trainer immer wieder am Platz. Das braucht auch Vor- und Nachbereitung. Ansonsten ist auch im Drumherum immer viel los.

Wie zufrieden bist du mit der abgelaufenen Saison, was die Frauen Kampfmannschaft aber auch die Entwicklung im Umfeld angeht?

In der Bundesliga hatten wir einen schwierigen Herbst, den wir mit einem herausragenden Frühjahr kompensiert haben. Grundsätzlich bin ich schon zufrieden, weil auch viel Entwicklung stattgefunden hat. Wir haben im Sommer mit einigen jungen, talentierten Spielerinnen begonnen, was auch Stirnrunzeln ausgelöst hat. Da haben wir etwas Lehrgeld bezahlen müssen, trotzdem fand ich, haben wir auch im Herbst immer wieder gute Spiele gehabt, auch wenn das Ergebnis nicht gepasst hat. Im Frühjahr hat man gesehen, was für irrsinnige Sprünge die Jungen gemacht haben und wir sind als Mannschaft zusammengewachsen. Ich denke sogar, dass da noch mehr geht.

In meiner Zeit beim Verein haben wir gute Entwicklungsschritte gemacht, etwa bei unserer Arbeit mit jungen Spielerinnen und unserer Nachwuchsarbeit. Die U14 ist am Wochenende in der U13-Jungsliga Meister geworden. Das ist eine sehr positive Entwicklung, aber es gibt dennoch immer Verbesserungspotenzial.

Darauf kommen wir später nochmal zurück, bleiben wir noch kurz bei der Bundesliga-Mannschaft. Aus dieser Mannschaft konnte man heuer nicht so richtig schlau werden. Im Herbst gab es teils sehr biedere Auftritte, im Frühjahr machte die Mannschaft den Eindruck das drittstärkste Team hinter Austria und St. Pölten zu sein. Wie siehst du das?

Im Moment würde ich sogar mitgehen zu sagen, dass wir die drittstärkste Kraft in Österreich sind.

Trotz allem haben wir im Herbst nur ganz knapp den Einzug ins obere Play-Off verpasst. Da hat es einfach viele Entwicklungsschritte gebraucht. Das Trainerteam hat über den Winter überragend mit der Mannschaft gearbeitet. Da haben wir auch viel analysiert. Man merkt aber auch vor allem, wie sehr sich die Jungen entwickelt haben. Auch im Nationalteam haben sie mit der geschafften U19-WM-Qualifikation großartige Leistungen gezeigt. Im Herbst haben wir eine Partie verloren, bei der wir 25 zu 1 Torschüsse hatten – das ist dann einfach bitter. Umso schöner ist es, dass wir uns mit so einer Serie aus dem Loch befreien haben können. Der einzige Wermutstropfen bleibt die Cupniederlage gegen Sturm Graz. Aber auch so kann man auf das Frühjahr mächtig stolz sein.




Wie kann sich die Vienna langfristig als Top-Team halten. Geht das überhaupt?

Das kommt auf die Entwicklung der Liga, die Entwicklung der anderen Vereine und auch auf unsere eigene Entwicklung an. Wir haben uns klar als Ausbildungsverein positioniert und wollen auch als Plattform gesehen werden. In den letzten drei Jahren haben wir 13 Spielerinnen ins Ausland gebracht. Grundsätzlich wollen wir auf uns selber schauen und unserer Idee treu bleiben. Dann sehe ich unsere nächsten Jahre sehr positiv. Der Frauenfußball entwickelt sich aber sehr rasant.

Würdest du dir mehr Mittel vom Verein wünschen?

Ich zahle jetzt mal ins Phrasenschwein ein und sage Geld schießt keine Tore. Fußball, auch der Frauenfußball ist eine Industrie die von Mitteln lebt. Das ist dann eine Frage des Anspruches. Wenn wir groß ausrufen Titel gewinnen zu wollen, dann müssen wir am Budget etwas verändern. Aber wir wollen an unserer Philosophie festhalten und nachhaltig Schritte zu setzen.

Hat die Vienna auch einen finanziellen Mehrwert für Spielerinnen, die sie ins Ausland vermittelt?

Im Frauenfußball ist es etwas schwieriger, weil es gewisse internationale Ausbildungsentschädigungen nicht gibt. Wir haben uns aber schon darauf ausgerichtet, dass wir bei Spielerinnen die ins Ausland gehen den einen oder anderen Euro bekommen. Das ergibt sich inzwischen durch die Marktsituation, dass Ablösen gezahlt werden. Darauf habe ich den letzten drei Jahren auch Wert gelegt.

Bislang gibt es mit Alina Kerschbaumer nur einen Stammspielerinnen-Abgang. Folgen noch welche?

Ich hoffe, dass wir heuer vom Stamm einiges halten können. Der Transfersommer hat aber noch gar nicht richtig begonnen, da müssen wir abwarten. Spannend wird es, wenn Deutschland aktiv wird. Selbst wenn wir nicht direkt betroffen sind, schaut vielleicht St. Pölten wieder in Österreich und dann kann es sein, dass es zur ein oder anderen Veränderung kommt. Stand jetzt hoffe ich, dass es nicht so ist. Wir haben einen richtig guten Kader, aus dem mit ein paar Adaptionen eine sehr schlagkräftige Truppe werden kann. Für eine detaillierte Wasserstandsmeldung ist aber eigentlich noch zu früh.

Wie gehst du vor, wenn du Neuzugänge suchst?

Wir haben ein gewisses Pool in dem wir gewisse Profile suchen. Ich suche gerne nach Potenzial und nach Spielerinnen die zu unserer Idee passen. Dann geht es aber noch um die menschliche Komponente, die mir sehr wichtig ist. Ich könnte die beste Spielerin finden und würde sie nicht holen, wenn sie menschlich nicht zu unserem Team passt. Das ist für mich ein ganz ein wichtiger Punkt. Unser familiäres Klima bei der Vienna ist eigentlich schon ein USP.

Wie viele Neue dürfen wir im Sommer erwarten?

Wir haben bereits vier Abgänge und wollen den Kader schon noch adaptieren. Ich sage immer: ,,Gelegenheit macht Diebe‘‘. Wenn sich etwas ergibt, werden wir das ein oder andere machen. Die Idee ist es aber, den Kader soweit zusammenzuhalten und zu versuchen mit ein paar Adaptionen einen Schritt nach vorne zu machen.

Unsere eigenen Talente tun sich relativ schwer. Mia Tomczak hat heuer fünf Spiele bestritten, Margarita Breinl und Maria Wimmer eines. That's it. Warum ist das so?

Es wird für alle Vereine immer schwieriger eigene Talente so zu entwickeln, dass man sie sofort in die Bundesliga holen kann, weil die Liga immer stärker wird. Meiner Meinung nach gehört das gut gedachte Projekt der Future League adaptiert, um eine größere Durchlässigkeit zuzulassen. In unserem eigenen Nachwuchs ist unsere Ausbildung wieder besser und effizienter geworden. Hier braucht es noch Geduld, bis diese Spielerinnen reif für die Bundesliga oder Future League sind. Der österreichische Frauenfußball braucht etwas andere Strukturen, um die Lücke kleiner zu machen und ein Nachschieben von unten zu ermöglichen.

Sind die Investitionen in den eigenen Nachwuchs dennoch sinnvoll?

Absolut. Ich glaube, ein Verein ohne Nachwuchs bekommt über kurz oder lang Probleme. Das zeigt etwa ein Blick zum Männerfußball nach Stripfing oder nach Neulengbach, auch wenn es dort noch andere Probleme gab. Auch von der Fanseite betrachtet: Ein eigener Spieler oder eine eigene Spielerin geben dem Verein doch nochmal mehr Werte und mehr Identität. Jede Investition in den Nachwuchs ist eine Investition in die Zukunft und daher unumgänglich.




Warum waren die letzten Future League-Spiele eigentlich am Trainingsplatz auf der Hohen Warte?

Das hatte einen logistischen Grund und wurde von den Gegnern gewünscht, da diese bei der Fahrt mit dem Mannschaftsbus in den engen Gassen von der Hohen Warte zum Campus Probleme hatten. Das sollte aber keine Dauersituation sein.

Im letzten Saisonspiel haben wir den Spielerinnen der U20 ermöglicht auf Rasen im Stadion zu spielen, was für sie eine coole Erfahrung war. Da waren auch einige U16-Spielerinnen dabei. Grundsätzlich spielen bei uns aber nur die beiden Kampfmannschaften im Stadion.

Ein Dauerthema im Frauenfußball sind die Zuschauerzahlen. Wie wollt ihr mehr Fans ins Stadion bringen?

Das ist eine gute Frage. Wir haben Partien bei denen wir mit mehr Fans rechnen, aber weniger kommen. Und wir haben Partien gegen unattraktive Gegner, wo viel mehr als erwartet kommen. Für mich ist das etwas irrational. Der Frauenfußball vertritt klare und eigene Werte. Er ist familiärer und zugänglicher und mit diesen Werten müssen wir punkten. Es ist auch wichtig, Kinder und Jugendliche ins Stadion zu holen, wie wir das mit unseren Schulpartnern im Rahmen von Freikartenaktionen machen.

Im Cupfinale waren 4600 Fans in dem Stadion, das ich jetzt nicht aussprechen will. Da war ein viel größerer Andrang als in den letzten Jahren in Wiener Neustadt. Ich denke, das gesamte Thema braucht aber auch Zeit und funktioniert nicht von heute auf morgen.

Es sind durchaus viele Männer als Trainer oder in anderen Funktionen im Frauenfußball tätig, aber kaum Frauen im Männerfußball. Ist Fußball einfach Männersport?

Nein. Fußball ist sicher kein Männersport, sondern für alle da. Leider ist der Fußball von Männern dominiert und auch dieses Thema wird Zeit brauchen. Es gibt auch nur wenige Frauen, die die Lizenzkriterien erfüllen. Wir brauchen mehr Quantität im Frauen- und Mädchenfußball, denn dann bleiben nach der Spielerinnenkarriere sicher auch mehr Frauen am Fußball hängen und werden Trainerinnen. Das Problem ist in Österreich aber bekannt und da gibt es auch schon gute Initiativen.

Es spricht nichts dagegen, warum Frauen nicht am Männerfußball teilhaben sollen. Bei Union Berlin beispielsweise wurde Marie-Louise Eta unverständlicherweise vorweg abgeschrieben wurde. Mit den jüngsten Ergebnissen hat sie aber bewiesen, dass sie eine richtig gute Trainerin ist. Dass man da im Vorfeld bereits Vorurteile hegt, finde ich einfach nur blöd.




Kannst du uns ein kurzes Update rund um die Personalsituation geben?

Jovana Cavic steht aktuell im Aufbautraining, kann schon wieder teilweise mittrainieren und ist auf einem guten Weg. Da bin ich zuversichtlich, dass sie nach dieser gröberen Knieverletzung die Vorbereitung mitmachen kann. Ob es jetzt zwei Wochen mehr oder weniger sind ist egal, es muss die Verletzung gut auskuriert sein, damit sie ohne Bedenken alles machen kann – für die Aussage wird sie mich jetzt hassen. (lacht)

Linnea Strömberg ist aus familiären Gründen nach Hause gereist. Da müssen wir schauen, wie es mit ihr weitergeht.

Lainie Fuchs kann auch bereits Teile des Mannschaftstrainings mitmachen. Sie wird uns aber jetzt im Sommer verlassen.

Letzte Frage: Was ist das Credo für die kommende Saison 2026/27?

Wir wollen auf dem Frühjahr aufbauen und aus den Themen im Herbst lernen. Wenn wir den Kader zusammenhalten, kann es eine sehr spannende Saison werden. Wir wissen, dass wir jede Mannschaft ärgern können und wollen die Siegesserie fortsetzen. Wir können auch die Austria und den SKN ärgern. Träumen darf man immer, und es wäre cool, die Vienna wieder ins internationale Geschäft zu bringen. Da wollen aber auch viele andere Vereine hin. Wir wollen unserer Arbeit mit jungen Spielerinnen treu bleiben und nehmen auch Lehrgeldzahlungen in Kauf. Vielleicht geht es sich aus, dass wir ins obere Play-Off reinrutschen.

Vielen Dank für deine Zeit!

Danke dir.






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Bilder: First Vienna FC, Union Berlin

Text: First Vienna News



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