Döblinger Probleme ohne Fundament?

 

Döblinger Probleme ohne Fundament?

Die Vienna hat in den vergangenen Jahren grundsätzlich eine positive Entwicklung genommen und sich schrittweise den Spitzenmannschaften der 2. Liga angenähert. Der entscheidende sportliche Durchbruch zur Tabellenspitze blieb jedoch bislang aus. Stattdessen waren insbesondere die jüngsten Auftritte zunehmend von unterirdischen Einzel- und Mannschaftsleistungen, konzeptlosen Auftritten sowie haarsträubenden Slapstick-Aktionen geprägt. Nach 17 Runden stehen lediglich fünf Siege zu Buche – eine bemerkenswert magere Ausbeute für einen selbsternannten Aufstiegskandidaten.

Kaderzusammenstellung

Wer einen Kader mit klaren Aufstiegsambitionen zusammenstellt und zur Winterpause Rang 9 belegt und bereits 15 Punkten Rückstand auf den Tabellenführer hat, muss zwangsläufig die Verantwortlichen der Kaderplanung hinterfragen. Die Vienna zog die härteste Konsequenz und trennte sich von Andreas Ivanschitz sowie Chefscout Stefan Manzana Marin.

Fairerweise muss jedoch festgehalten werden, dass der Kader auf dem Papier durchaus konkurrenzfähig wirkte. Zwar war das Aufgebot mit den vielen Stürmern und insgesamt 30 Profis, von denen einige Akteure augenscheinlich maximal über Zweitliganiveau verfügen, etwas überdimensioniert, dennoch sah die Stammelf im Sommer stark aus und auch die Ersatzbank schien qualitativ ordentlich besetzt.


Teamspirit

Der eigentliche Fehler lag offenbar weniger in der individuellen Qualität als vielmehr in der mangelnden Berücksichtigung der mannschaftlichen Balance. Einkaufen, einkaufen, einkaufen. Aber das ohne Plan. Das Team fand nie wirklich zusammen und konnte nie eine schlagkräftige Einheit werden. Auch aus fußballtaktischer Sicht wirkt die Einkaufstour heute unüberlegt.

So wurde die Zehnerposition häufig von gelernten Stürmern bekleidet, während das neu formierte Innenverteidigerduo nahezu identische Stärken (Kopfballspiel, Strafraumpräsenz) wie auch Schwächen (Spielaufbau, Beweglichkeit) aufwies. Diese strukturellen Defizite traten bereits in den Sommertestspielen deutlich auf.

Auch Neo-Coach Hans Kleer, der während der Saison Mehmet Sütcü ersetzte, scheint konzeptlos verpflichtet worden zu sein. Kleer erläuterte auch schon öffentlich, dass es mit dieser Ansammlung von Einzelkönnern schwer sei, einen guten Spirit herzustellen. Viele Spieler, nicht nur die Jungprofis, hatten außerdem mit Sütcü ein sehr gutes Verhältnis und mussten unter Kleer nochmal bei null anfangen – das führte zu weiterer Verunsicherung, insbesondere da die Ergebnisse nicht besser wurden.

Fehlende Leidenschaft

Die Ergebnisse passten nicht, der Trainer war weg, die Leistungen wurden immer schlechter. Dies hing natürlich auch mit diversen Verletzungen zusammen und dadurch entstand ein Teufelskreis. Die Qualität der Mannschaft nahm durch Pech ab, die Leistungen wurden folglich schlechter und der Druck immer größer. Daran scheint die gesamte Vienna zerbrochen zu sein. Seither lässt beinahe das gesamte Team echte Leidenschaft am Platz vermissen und vermittelt vielmehr ein Gefühl der Gleichgültigkeit. Das wiederum erhöht den Frust bei den Fans und verschlechtert die Stimmung weiter.

Bernhard Luxbacher wirkt mit seinem Drang nach vorne neben zehn Marionetten wie verloren. Und gelingt doch einmal eine Kombination in den gegnerischen Strafraum, ist die Schussqualität ähnlich unzureichend wie andere Attribute im Spiel der Vienna.



Standardschwäche

Nüchtern betrachtet kommen weitere Faktoren hinzu, die erklären, weshalb die Vienna weder um Platz eins noch um andere Spitzenränge mitspielt. Seit Jahren fehlt es sowohl offensiv als auch defensiv an Qualität bei Standardsituationen. Nach dem Karriereende von Jiri Lenko versuchten sich zahlreiche Spieler an Eckbällen, Freistößen und Elfmetern. Während die Quote vom Punkt solide ist, stellen Eckbälle seit Jahren kaum eine Gefahr dar.

Luxbacher, Tanzmayr, Edelhofer, Bumbic, Seo, Djuricin und Ochs – eine Vielzahl an Schützen wurde ausprobiert. Das gefährlichste Resultat waren letztlich gar die Direktversuche von Philipp Ochs. Zwar gelangen der Vienna in den vergangenen Jahren vereinzelt Freistoßtore, insgesamt jedoch kassiert man deutlich zu viele Gegentreffer nach Standards und erzielt im Gegenzug viel zu wenige selbst.

Kurzfristige Verbesserungen

Während dem kurzfristigen Engagement von Aleksandar Gitsov bei der Vienna, der auch als Experte im Bereich der Standardsituationen vorgestellt wurde, hat sich tatsächlich etwas verbessert. Aus diesem Grund wurde für diesen Blogeintrag bei Alex Gitsov nachgefragt.

Bereits im Sommer wurde das Problem des schlechten Standardsverhalten, insbesondere im defensiven Bereich, erkannt und verstärkt trainiert. Gitsov verweist auf die positiven Zahlen in seiner Ära: Aus 34 gegnerischen Ecken gewann der Gegner nur achtmal den ersten Ball, aus 30 gegnerischen Freistößen in Tornähe resultierten bloß drei Torabschlüsse. Etwas schwieriger gestaltete sich die Arbeit im offensiven Bereich, da hier mehr von der individuellen Qualität der Schützen abhängt. Mit einem xG-Wert von 0,36 sah Gitsov seine Mannschaft, nach eingearbeiteter Trainingskontinuität, am Ende aber auf einem soliden Niveau.


                                    

Im Sommer konnte man immer wieder weite Einwürfe von Zimmermann und Ungar beobachten, dies scheint inzwischen nicht mehr Teil der Spielphilosophie von Hans Kleer zu sein. Das hat auch einen Grund, denn Alex Gitsov sieht Einwürfe, sowohl defensiv als auch offensiv, als eines der unterschätztesten Elementen im Fußball. Einwürfe wurden daher im Sommer in den Trainingsprozess integriert, um durch Wiederholen unbewusst und automatisiert ein gutes Entscheidungsverhalten zu erlangen. Bei gegnerischen Einwürfen braucht es laut Gitsov konsequentes Mann-gegen-Mann-Pressing, während man bei eigenem Ballbesitz möglichst schnell einwerfen sollte, um die Unordnung des Gegners auszunutzen und Vorteile im Spielaufbau zu erzielen.

Gitsov meint außerdem, dass nachhaltiger Erfolg bei Standardsituation generell nur dann möglich sei, wenn Standards zu einem fixen Teil der Vereinsidentität werden. Als Positivbeispiel nennt der Bulgare die SV Ried.

Wird’s besser?

Ja, kann es. Denn all diese Probleme sind temporär und lassen sich durch eine gute Kaderplanung ausbessern. Stückweise im Winter, großflächig im Sommer. Sofern das Budget weitere Investitionen in den Kader zulässt, die Sportdirekt- und Trainerentscheidungen überlegt getroffen werden und ein klarer Plan ausgearbeitet wird, kann die Vienna auch 2026/27 als Aufstiegsmitfavorit in die Saison gehen und dort eine gute Rolle spielen. Dann entscheiden die Details, wie etwa der unbedingte Wille oder gutes Verhalten bei Standardsituationen. Dies lässt sich trainieren. Unsere Eigengewächse müssen unbedingt im Verein gehalten werden und in der Frühjahrssaison noch mehr Möglichkeiten bekommen. Wenn Birkhahn, Nagele, Pistrol oder Zeidler ihre Entwicklung in ähnlicher Geschwindigkeit fortsetzen, können sie in den kommenden Jahren gar eine Schlüsselrolle in der Erreichung des großen Ziels, dem Aufstieg, spielen.

First Vienna News

 

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